SPOILER!

Meine Kurzgeschichte ‚SPOILER!‘ ist in der Anthologie ‚Singularitätsebenen‘ erschienen.

Da wieder die Wahl zum Kurd Laßwitz-Preis ansteht, will ich allen Abstimmenden die Wahl noch ein klein wenig erschweren. Deswegen hier und in voller Länge …

Frank Lauenroth – Spoiler

Neulich stand im Lokalteil des Saturn-Magazins, dass ein Frachter einen der Saturnmonde frontal getroffen hat. Dabei wurde eine Forschungsstation komplett zerstört. Leider kam es auch zu einem Todesopfer. Der Frachterpilot war natürlich untröstlich. Er hatte lediglich die Bremsdüsen mit den Schubdüsen verwechselt. Das kann schließlich dem besten Piloten passieren. Und normalerweise ist der Weltraum groß und frei von Steinen und sowas. Nur in diesem Fall eben nicht.

Die ganze Tragik der Geschichte wurde im Magazin allerdings nicht erwähnt.

Carl Benson war ein genügsamer Zeitgenosse.

Er war schweigsam und zurückhaltend, ernsthaft und fokussiert. Und er mochte Menschen.

Es gab diese Anekdote von der Titan-Akademie aus seiner Doktorandenzeit.

Carls Anstellung spülte nicht genug Credits in seine Taschen, um seine Forschungen finanzieren zu können. Also nahm er Nebenjobs an. Zum Beispiel Außeneinsätze auf der Hülle der Station, um sie von Allpocken zu säubern.

Zu einer der Vorlesungen kam er direkt von einer Extraschicht und trug daher noch seine Magnetstiefel. Während der Vorlesung geriet ein physikalisches Experiment außer Kontrolle. Dabei ging es um gravimetrische Fluktuationen. Carl saß in einer der vorderen Reihen, als plötzlich die Schwerkraft auf der gesamten Station ausfiel.

Das gab ein Schreien und Jammern im Auditorium.

Doch wo andere fluchten, kam Carl Benson nicht einmal ein simples ‚Verdammt!‘ über die Lippen.

Stattdessen tat er das einzig logische: Er aktivierte den Magnetismus in seinen Stiefeln und schlenderte zur Ursache der Fluktuationen. Er deaktivierte die Energiekuppplung des gravimetrischen Störstroms und beendete den Spuk.

Hinterher wollten sie ihn dafür loben und feiern, aber Carl sagte nur, dass er getan hatte, was wohl jeder mit Magnetstiefeln getan hätte.

So ein Typ war Carl Benson. Warmherzig und dem Leben gegenüber überaus positiv eingestellt.

Dieser Aspekt erlangt eine noch größere Bedeutung, wenn man weiß, dass Benson mittlerweile allein auf Janus wohnte, dem zehnten der Saturnmonde, der sich seine Bahn mit dem Mond Epimetheus teilte.

Das war im Sonnensystem einzigartig. Also nicht, dass Benson dort wohnte … obwohl … er wohnte ja nur da und deswegen nicht woanders … aber darum soll es hier nicht gehen.

Janus und Epimetheus sind koorbital. Und das ist einzigartig im Sonnensystem.

Die beiden Monde laufen auf nahezu gleichen Bahnen um den Saturn. Ihre mittleren Abstände unterscheiden sich nur um fünfzig Kilometer und das ist – gelinde gesagt – ein Fliegenschiss im Universum. Etwa alle vier Jahre kommen sich die beiden Monde ziemlich nahe, und wer seine Hausaufgaben in Sachen Keplersche Gesetze gemacht hat, ahnt an dieser Stelle bereits, dass die beiden Massen sich gegenseitig beeinflussen. Der innere und damit schnellere Mond wird beschleunigt, wechselt auf eine höhere Umlaufbahn und wird dadurch langsamer. Der andere, ehemals äußere, wird abgebremst und rutscht auf die innere Bahn, wodurch er wiederum der schnellere wird. Saturn selbst juckt das natürlich nicht, obwohl die Masse des Gasriesen dabei auch mit im Spiel ist.

Auf jeden Fall ist Janus nicht unbedingt eine imposante Erscheinung im Weltraum. Die Oberfläche besitzt gerade mal die ungefähren Maße Islands. Logischerweise ohne Baum und Strauch.

Aber: Janus besteht zu einem großen Teil aus Wassereis. Das war wichtig. Denn Carl Benson züchtete auf Janus Fleisch. In Melonengröße.

Wer jetzt denkt, dass die Melonen Beine hätten, irrt.

Carl Benson war es gelungen, mittels Gen-Sequenzierungen Hybride zu züchten. Ähnlich wie die Pilze auf der guten alten Erde waren diese Mischungen nicht auf die Photosynthese angewiesen und damit auch nicht auf Sonnennähe. Allerdings waren sie wie die Pilze heterothroph, benötigten also die Nährstoffe anderer Wesen. Und da kam die Janus-Laus ins Spiel.

Es mochte ungefähr zwölf Jahre zurück liegen.

Eine erste Expedition schipperte vom Titan herüber, um auf Janus Signalbarken abzusetzen, als das Schiff von einer Heerschar ungefähr handtellergroßer Insektoiden überzogen wurde. In ihrer Panik warfen die Expeditionsteilnehmer alles mögliche aus den Schleusen, um diese Viecher wieder loszuwerden. Tatsächlich ließen die Insektoiden vom Schiff ab und verlustierten sich speziell an der Exkremente-Box.

Gut möglich, dass die Läuse feine Sensoren für Exkremente besaßen und deshalb das Schiff angriffen. Zumindest war die Besatzung die Bedrohung erst einmal los. Allerdings mussten die Teilnehmer für die Dauer ihrer Mission fleißig aufs … aber lassen wir das.

Auf jeden Fall verteilten sie die Signalbarken in Rekordzeit und kehrten umgehend zum Schiff zurück.

Dort staunten sie nicht schlecht, als sie erkannten, dass die Läuse ihrerseits natürlich auch Exkremente absonderten, allerdings in einem Verhältnis von eins zu zwanzig. Also für einen Happen Menschenexkrement zwanzig Einheiten Läuseexkrement. Die Janus-Laus war ein verdauungstechnisches Perpetuum mobile.

Ganz Wissenschaftler, untersuchten die Menschen die Hinterlassenschaften der Läuse und fanden heraus, dass sie einen hohen Anteil an Terranium enthielten. Dieses auf einigen Saturnmonden entdeckte Element stand in dem Verdacht, ein Wachstumsbeschleuniger zu sein. Es kam aber zu selten und wenn, dann nicht in abbaubaren Mengen vor.

Doch das war den Expeditionsteilnehmern herzlich egal. Es gelang ihnen sogar, vier Janus-Läuse einzufangen, die sie mit auf die Heimreise nahmen.

Ihre Mission war erfüllt.

Bevor sie Titan erreichten, starben leider alle vier Läuse.

Fast zeitgleich kippten die Insektoiden zur Seite, rollten auf den Rücken und quollen auf.

Die Besatzung entsorgte die Überreste nach den Vorschriften der Quarantäneverordnungen und verfasste einen Expeditionsbericht.

Auf welche Art dieser Bericht den Weg zu Carl Benson fand, ist nicht überliefert. Doch er erkannte sofort das Potential, das in dieser Entdeckung lag.

Endlich, so glaubte er, hatte er eine Möglichkeit gefunden, seine Forschungen voranzutreiben. Das Kollegium der Titan-Akademie hatte seine Ideen bisher nur belächelt.

Dabei gab es massive Probleme, die Erde und alle Kolonien mit Nahrung zu versorgen. Elf Milliarden Menschen satt zu bekommen, war zum größten Problem der Regierungen geworden. Es gab ziemlich viele Flecken im Sonnensystem, wo Menschen Hunger litten. Zuallererst auf der Erde. Den Kolonien ging es kaum besser. Auf Außenposten wurde gar von Kannibalismus berichtet. Die Menschheit stand – wieder einmal – am Scheideweg. Viele Forschungsteams untersuchten unterschiedlichste Ansätze, um dem Problem zu begegnen. Bislang waren alle gescheitert. Die Zeit verran ohne Ergebnis. Da präsentierte Carl Benson seine Idee.

Was anderen wie ein Gottesgeschenk hätte erscheinen müssen, wurde von dem Kollegium wie beiläufig weggewischt. Das Ernährungsproblem der gesamten Menschheit mit Melonen zu lösen, erschien ihnen zu weit hergeholt.

Doch Carl war kein Mensch, der schnell aufgab. Und dieser Expeditionsbericht gab seiner Hoffnung neue Nahrung.

Noch besser: Alles, was er benötigte, konnte er selber produzieren.

Allerdings lag die Schlussfolgerung nahe, dass er sich auf Janus begeben müsste, um sein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Er brauchte drei Monate, um ein Laboratorium ausrüsten zu lassen, es in ein Überlebensmodul zu stecken, es auf Janus abzusetzen und selbst – mit einer Exkremente-Box als Willkommensgeschenk – auf den Mond umzusiedeln.

In den ersten Monaten untersuchte Carl hauptsächlich das Verhalten der Läuse, ihre Exkremente und die potenielle Nutzbarkeit für sein Projekt.

Normalerweise – und gemessen an ihrer Größe – war die Janus-Laus ein genügsamer Esser. Carl Benson vermutete, dass die Läuse monatelang oder gar jahrelang hungern konnten, wenn es notwendig war. In harten Zeiten – es war anzunehmen, dass auf Janus überwiegend harte Zeiten herrschten – ernährten sie sich vom Eisstaub des Mondes.

Ihre Genügsamkeit kannte nur eine Ausnahme: Organisches Futter ließ die Synapsen zünden. Dann gab es kein Halten, kein Zaudern, es wurde gefressen, was da war und gleichzeitig ausgeschieden, was verdaut war.

Und das, was am Ende dabei raus kam, enthielt eine ziemlich hohe Terranium-Konzentration.

Carl Benson hätte vor Freude Luftsprünge machen können. Angesichts der nur rudimentär vorhandenen Schwerkraft, nahm er von dieser Idee jedoch Abstand.

Carl nahm Proben, pflanzte erste Setzlinge in einige der oberflächennahen Hohlräume und taute kleine Mengen Eis auf, um es den Melonen- und Kürbispflänzchen zusammen mit dem Janus-Laus-Dünger zuzuführen. Vier Wochen später war die erste Ernte reif. Carl untersuchte das Fruchtfleisch auf Toxine und schlüsselte die Bestandteile auf. Sobald er bestätigt sah, dass er tatsächlich Fleisch gezüchtet hatte, genehmigte er sich eine erste Probe.

Er trennte einige kleine Stücke aus den Früchten heraus, steckte sie in den Schnellerhitzer und erhielt nach wenigen Sekunden winzige gebratene Filets.

Das Fleisch der Kürbisse schmeckte nach Hühnchen und das der Wassermelonen nach Rind.

Ein voller Erfolg!

Davon beflügelt, verteilte er mehr Setzlinge, weitete die Zucht aus, wollte weitere Tests durchführen und seine Ergebnisse bei der nächstbesten Gelegenheit mit nach Titan nehmen. Um sie dort dem Kollegium der Akademie vorzustellen.

Nun muss man wissen, dass auch der liebste und beste Mensch eine Achillesferse haben kann.

Bei Carl war es der Kopf.

Benson hatte häufig Kopfschmerzen. Wiederkehrende, pochende, bohrende, stechende Kopfschmerzen. Gäbe es dafür einen Eintrag, man hätte es auf seiner ID-Card verzeichnen müssen.

Auch während der ersten Wochen auf Janus blieb er nicht verschont. Es war immer gleich, Kopfschmerzen, Lichtempfindlichkeit, Schwindelgefühl.

Rückblickend betrachtet, gab es in Carls Leben einige Momente, in denen er seine Krankheit verfluchte. In denen er mit seinem Dasein haderte.

Vielleicht hätte er sogar seinen Erfolg mit dem gezüchteten Fleisch gegen ein beschwerdefreies Leben eingetauscht …

Einige Mediziner hatten sich an ihm versucht. Er stünde mit dem Problem nicht allein da. Gerade unter Raumfahrern war es weitverbreitet. Er hatte Tabletten bekommen, Injektionen, Yoga versucht und Branding zur Schmerzumleitung erprobt. Nichts half. Außer der Diagnose ‚Weltraummigräne‘ und der Empfehlung, Käse und Rotwein zu meiden, gab es keine Hilfe.

Käse und Rotwein! Als ob es so etwas in Saturnnähe gäbe!

Immerhin gab es Weltraumbier. Die orbitale Titan-Station verfügte über eine eigene, kleine und natürlich nicht offizielle Brauerei. Und so wollte Carl ein paar Tage die Melonen Melonen und die Kürbisse Kürbisse sein lassen, auf der Station seinen Erfolg feiern und das Versäumte vergangener Jahre nachholen.

In jeglicher Hinsicht.

Natürlich wollte er zuallererst den Experten der Akademie beweisen, wie falsch sie gelegen hatten, ihn und seine Idee zu belächeln. Carl war nicht der Mann, der diese Frauen und Männer nur aufgrund ihrer Fehleinschätzung als Ignoranten oder gar Idioten betitelt hätte. Denn das waren sie nicht. Andererseits wusste Carl Benson, dass ihm ein wenig Genugtuung ganz gut tun würde. Nebenbei ging es zudem um das Überleben der Menschheit, egal, ob sie auf der Erde oder den Kolonien beheimatet war. Carl hatte sich noch keine Gedanken gemacht, wie man seine Melonenzucht würde ausweiten können. Er hoffte, das es möglich sein würde.

Wie bereits erwähnt: Carl mochte Menschen.

Außerdem musste er dringend seine Vorräte wieder aufstocken.

Drei gute Gründe, die Titan-Station aufzusuchen.

Doch dann fiel die Fähre aus. Und damit die einzige Möglichkeit, Janus in dieser Saturn-Woche zu verlassen. Private Flugtaxis gab es seit Monaten nicht mehr. Der Verkehr zwischen den Monden war einfach nicht ertragreich genug.

Nun wissen wir ja bereits, dass Carl ein positiv denkender Mensch war. Deshalb nahm er hin, was nicht zu ändern war, und tröstete sich damit, das sein Titan-Trip verschoben, aber nicht aufgehoben war.

Da begannen die Schmerzen.

Weltraummigräne ist genauso beschissen wie die Krankheit auf der Erde. Es ist nicht restlos geklärt, wodurch ein Anfall ausgelöst wird. Vielleicht war es in diesem Fall der Stress oder die Enttäuschung des stornierten Flugs. Carl Benson zog sich in sein Überlebensmodul zurück und die Decke über den Kopf.

Eine Weile lag er bewegungslos, atmete flach und fühlte nichts außer dem Schmerz. Dem verdammten, immer wiederkehrenden und ihn nie in Ruhe lassenden Schmerz.

Sein Magen knurrte.

Carl fragte sich, warum er heute – der Begriff ‚heute‘ war gemessen an einem zehneinhalbstündigen Saturntag relativ – eigentlich noch nichts gegessen hatte.

Selbst diese Gedanken taten seinem Kopf nicht gut.

Er zwang sich aufzustehen, ging zur Kühl-Box und öffnete sie. In der Hoffnung, dort etwas vorzufinden, was sättigend und schmackhaft zugleich war. Er wurde enttäuscht. Gleichzeitig erinnerte er sich, dass er ja eigentlich auf dem Weg zum Titan sein sollte, um seine Vorräte aufzufüllen.

Er blinzelte zum Laboratorium hinüber. Dort lagen die Erfolge seiner Ernten: Melonen und Kürbisse, die Fleisch enthielten. Besser als nichts, dachte er und nahm ein scharfes Messer. Diesmal schnitt er ein großes Stück heraus, tat es in den Schnellerhitzer und erhielt ein saftiges Steak.

Das – so dachte er – würde zumindest seinen Magen verstummen lassen.

Was dann geschah, ließ Carl einen Moment an seinem Verstand zweifeln.

Kaum dass die ersten Bissen seinen Magen erreichten und sich die Wärme der Mahlzeit im Bauchraum breit machte, verschwanden die Schmerzen.

Es war so überraschend, dass er sogar den Kopf hin und her schüttelte. So als müsse dieses unglaublich gute Gefühl gleich wieder verfliegen.

Doch es verschwand nicht.

Carl wusste nicht, was genau in seinem Körper geschehen war. Er hatte eben deutlich mehr Fleisch gegessen, als bei seinen anfänglichen Verkostungen. Lag es an der höheren Zufuhr von Terranium? War das Element dafür verantwortlich, dass seine Schmerzen verschwanden?

Er würde nicht nur das Ernährungsproblem der gesamten Menscheit lösen, er würde dabei gleich die Weltraummigräne heilen!

„Verdammt“, sagte Carl Benson vermutlich zum ersten Mal in seinem Leben und stopfte noch ein großes Stück Melone in sich hinein. „Auf die Idee hätte ich früher kommen können!“

Da kam – wie eingangs kurz angedeutet – der Frachter und traf Janus mit voller Wucht.

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